Ein Besuch in Hoyerswerda war schon lange fällig. Das erste Mal begegnete mir die Stadt in dem Buch Grit Lemke‘s, „Kinder von Hoy“. Seitdem wollte ich mir mein eigenes Bild dieser ostdeutschen Zaubermetropole machen, deren Magie schon einige Jahrzehnte verflogen zu sein scheint, aber vielleicht ja doch noch in einigen Häuserfassaden oder Gehwegfugen zu finden ist? Als sozialistische Planstadt der Moderne, sollte der DDR mit Hoyerswerda der ganz große Wurf gelingen: billige Mieten, gesellschaftliches Wohnen, fleißige Arbeitskräfte, blitzschnelle Errichtung. Perfekt für den nahegelegenen Tagebau in Schwarze Pumpe.
Um dieses Kraftwerk mit Menschen zu füttern, ist in Hoyerswerda abseits der Altstadt eine neue Welt auf der anderen Flussseite entstanden. Wohnblock um Wohnblock ist in unermüdlichem Tatendrang hochgezogen und fertiggestellt worden; Familien zogen auf der einen Haushälfte ein, während Baukräne die andere am offenen Leibe operierten.
Es herrscht Aufbruchsstimmung. Hoyerswerda – die Arbeiter:innenstadt für Kohleenergie. Der Staat verspricht eine atemberaubende Zukunft. Hier kannst du Teil von etwas ganz Großem sein. Etwas Sicheres und Ewiges in bald greifbarem Wohlstand. Dementsprechend zog es viele Menschen dorthin. Sie verließen die Dörfer mit ihren jungen Familien und machten sich auf, um ein neues Leben im Prototyp des am-wahr-werdenden sozialistischen Traumes zu beginnen. Eine Bändigung des Zulaufs nach Hoyerswerda schien nicht in Sicht.
Und hier beginnt die Geschichte von Grit Lemke und vielen anderen, die in ihrer Kindheit, Jugend- und Erwachsenenzeit durch diese Stadt und das untrennbar mit ihr verflochtene Kraftwerk geprägt wurden. Der Untertitel „Freiheit, Glück, Terror“ verrät hierbei schon die glückseligen, und doch auch abartigen Auswüchse dieser Erfahrung.
Das Buch lässt sich kategorisch am besten als dokumentarischer Roman beschreiben. Was Grit Lemke schafft, ist eine Art der kollektiven Autobiografie der Jugend, die bis dato nur eine untergeordnete Rolle spielte (obwohl sie in Hoyerswerda einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil ausmachte). Neben ihren eigenen Erfahrungen und Eindrücken kommen auch ca. ein dutzend andere Menschen zu Wort, die ähnliche aber auch ganz andere Eindrücke in der Stadt sammelten. Die Gesprächsfetzen aus Interviews sind an bestimmten Passagen des Buches aneinandergereiht, meistens vor oder nach der Beschreibung eines bestimmten Zeitabschnitts oder eines Geschehens. Sie betragen meist wenige Zeilen; summiert dann aber gerne eine halbe, bis hin zu zwei Seiten. Besonders gefallen hat mir hierbei die Unterschiedlichkeit der Aussagen. An einigen Stellen gehen diese innerhalb weniger Sätze auseinander, da verschiedene Leute einfach verschiedene Wahrnehmungen und Ansichten zu gewissen Sachverhalten haben. Das wirkt sehr ehrlich und direkt, ohne im Nachhinein etwas geradebiegen zu wollen oder eine bestimmte „Linie“ durchzusetzen.
Schichtbusse, Wohnkomplexe, Arbeit in der Kohle und schließlich der innere und äußere menschliche Zusammenhalt (und Zerfall). Diese und viele weitere Themen werden in „Kinder von Hoy“ beleuchtet und in Retrospektive lebendig auf Papier gebannt. Es sind die zentralen Aufhänger in der Geschichte um die ostdeutsche, ostsächsische Stadt Hoyerswerda.
Mit diesem Buch wurde mein Interesse geweckt – immerhin steckt viel Vergangenheit auf den Straßen von Hoy. Auch wenn die Stadt heute geschrumpft ist, Wohnkomplexe wieder abgerissen wurden und die Jugend schon lange nicht mehr das größte Tortenstück im Diagramm ausmacht. Die Prägung ist dennoch unverkennbar.
Der zweite Aspekt, der einen Ausflug nach Hoyerswerda immer attraktiver werden ließ, war die Entdeckung von Brigitte Reimann. Sie lebte für lange Zeit in Hoyerswerda und hatte eine „durchwachsene“ Beziehung zur Stadt. Heute, am 20. Februar 2025, jährt sich der Todestag von Brigitte Reimann zum 52. Mal. Ein mehr als würdiger Anlass, den Text meines Besuchs endlich fertigzustellen.
Die Verknüpfung mit Brigitte Reimann ist für den Ausflug indes gerechtfertigt. Immerhin wollte ich ihr altes Wohnhaus und die nach ihr benannte Stadtbibliothek sehen. Dort gibt es auch eine Begegnungsstätte, aber dazu später mehr.
Ich startete also am 8. Oktober 2024 und wollte es mir endlich machen: Das Bild von der Stadt samt umgebenden Mythos von Arbeit, Kohle und Sozialismus. Was geblieben ist, was sich veränderte und was neu entstand. Die Buslinie 2 hat mich vom Bahnhof direkt ins WK1 gefahren. Ausstieg: Haltestelle Jugendklubhaus. Hier ist bereits ein großer Bogen zu ziehen, der beim Jugendklubhaus beginnt und bei Brigitte Reimann endet. Oder eher andersrum: das Jugendklubhaus ist eines der Beispiele, wie Brigitte Reimann das Stadtbild von Hoyerswerda beeinflusste. Hoyerswerda verzahnt sich hier bereits mit seiner berühmten Autorin; die Bindung zwischen beiden könnte von Außenstehenden als Hass-Liebe bezeichnet werden. Aber ich muss ausholen:
Brigitte Reimann hatte einiges an der sozialistischen „Baukasten-Stadt“ auszusetzen: allesamt gleiche Häuserreihen, triste Matschflächen zwischen den Wohnräumen, mangelnde Orte für behaglichen Austausch, sowie fehlende Einrichtungen für Veranstaltungen und Kulturerlebnisse – und kein Ausgehlokal für die Jugend!
Bei einer Diskussionsrede des Nationalrates entfiel ihr der Satz, „Kann man in Hoyerswerda küssen?“. Die Frage galt freilich nicht der Tatsache, dass es unmöglich sei in Hoy die Lippen aneinander zu pressen. Ihre verpackte Kritik wurde teils verurteilt, teils belächelt. Dennoch sprang der Funke über und regte einige Gedanken: Was braucht es in unserer Stadt? Wie soll die Bauweise der Zukunft aussehen? Wie möchte ich meine Freizeit verbringen und wo kann ich auf andere Menschen treffen?
Ausgehend von der provokante Frage B.R.s, erschien in der Lausitzer Rundschau am 11. Mai 1963 ein Artikel mit dem Titel „Kann man in Hoyerswerda küssen?“; geschrieben von Gudrun Schmidt und Gerhard Fugman. Sie griffen den Ansatz von Brigitte Reimann auf und befragten die Jugend nach ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten – und inwiefern diese erfüllt werden.
Die Journalistin unterhielt sich mit ein paar Jugendlichen in der Gaststätte „Kastanienhof“. Eine Befragte schrieb ihr ein paar Tage später einen schönen Brief. Sie hätte im Moment des Gesprächs nicht verstanden, worauf sie hinauswolle, „natürlich kann man in Hoyerswerda küssen“, aber sich dann zu Hause Gedanken gemacht. Ihre Quintessenz: zarte Bedenken wegen mangelnder Ausgehmöglichkeiten, wenig Abwechslung von dem fordernden Alltag und dünn besiedelte Ausgleichsmöglichkeiten (unter der Prämisse, dass sie ihre Arbeit mit Stolz erfüllt und Hoyerswerda sehr gern hat).
So endet der Artikel dann ein wenig offen. Die Lausitzer Rundschau rief allerdings die Leser:innen unter dem Beitrag dazu auf, doch bitte ihre Sicht der Dinge zu teilen.
Vorspulen in den August 1963.
Viele Briefe gingen bei der LR ein. Es wird sich bedankt, aber einem Beitrag möchte man besondere Aufmerksamkeit schenken. Brigitte Reimann herself schrieb ebenfalls an die Lausitzer Rundschau. Es wurde beschlossen, ihren Beitrag abzudrucken. In der Ausgabe vom 17. August 1963 erscheint also der Artikel „Bemerkungen zu einer neuen Stadt“ von Brigitte Reimann. Dieser brachte einige Gemüter in Wallung.
In der Einleitung wird der Mangel an Atmosphäre und Intimität als zentraler Aufhänger aufs Tablett gebracht. Die Architektur prägt das Lebensgefühl und wirkt auch auf die Psyche ein, fürderhin es vermieden werden soll, den Städtebau samt gesellschaftlichem Wohlbefinden sehenden Auges ins Unheil laufen zu lassen. Bei einem so frischen Projekt wie Hoyerswerda kann rechtzeitig gegengesteuert werden.
In der Einleitung wird der Mangel an Atmosphäre und Intimität als zentraler Aufhänger aufs Tablett gebracht. Die Architektur prägt das Lebensgefühl und wirkt auch auf die Psyche ein, fürderhin es vermieden werden soll, den Städtebau samt gesellschaftlichem Wohlbefinden sehenden Auges ins Unheil laufen zu lassen. Bei einem so frischen Projekt wie Hoyerswerda kann rechtzeitig gegengesteuert werden.
„Für den verdienten Feierabend bleibt der Fernsehapparat, und es bleiben Bücher und ein paar Glas Bier in einem Lokal, das nach Eile und Igelit aussieht.“
Des Weiteren macht sich Unbehagen wegen der schaufensterlosen Magistrale breit. Auch der Ausblick auf Müllkübel und Wäscheleinen abseits der Neubauten deprimiert und ruft „trotz der Grünflachen einen Eindruck von kleinstädtischer Enge“ hervor.
Und dann:
„Eine dringliche Aufgabe: Wir brauchen ein Jugenklubhaus – nicht irgendein Provisorium, sondern ein festes Haus, das Raum genug bietet für die verschiedenen Zirkel und Interessengruppen, und in dem man Konzerte und Tanzabende veranstalten kann.“
Hier also die erste Spur des Jugendklubhauses in Hoyerswerda. Brigitte Reimann zeichnete es in ihren sehnsüchtigen Gedanken nach einer Umgebung, in der sich die Jugend austoben kann. Der Fokus auf die junge Generation zeugt von ihrer Weitsicht; vor allem in Hoyerswerda, der Stadt mit der damalig höchsten Geburtenrate des Landes. Einem mehr persönlichen Wunsch widmete sie sich anschließend: der Eröffnung eines Lese-Cafés. Schließlich endet ihr Beitrag mit einem Auskotzen über den Verkauf von schrecklichen Kunstbildern zu horrenden Preisen durch „rührige Kolporteure“. Sie legt in respektvollem Ton dar, dass die Inneneinrichtung der guten Stuben solchen Halsabschneidern überlassen wird, die „diese Scheußlichkeiten“ aufgrund klaffender Kulturbildung an die Leute bringen können. „Von den Zimmerwänden ablesbar ist die Schuld einer Gesellschaftsordnung, die den Geschmack systematisch verbildet hat.“
Doch auch dafür schlägt sie Lösungsansätze vor.
„Das ist also einiges von dem, was ich auf dem Herzen habe. Ich würde mich freuen, wenn es mehr öffentliche Gespräche darüber geben würde, wie man unsere Stadt schöner und heiterer gestalten kann.“
Und so endet der Artikel. Natürlich blieb er nicht ohne Konsequenzen: Es gibt erfreuliche, aber auch nervtötende. Hier einige Auszüge aus den Tagebüchern von Brigitte Reimann:
13.09.1963
„Die Stadtkritik greift um sich, ich habe in ein Wespennest gestochen. Ein paar Gegenangriffe […]. Andererseits: offizielle Zustimmungserklärungen von Betrieben oder Betriebsteilen und die Sympathie meiner vielen – und unbekannten – Bekannten. Neuerdings wird die Regierung bemüht, und die SED-Kreisleitung hat schnell geschaltet und entwirft Pläne für ein – natürlich – provisorisches Klubhaus.“
Hoy bekommt also endlich das Jugendklubhaus! Und alles „nur“ wegen eines gepfefferten Zeitungsartikels. Eine beachtliche Wirkung für diesen Einsatz, der zu DDR-Zeiten natürlich Courage erforderte und die eigene Karriere samt öffentlicher Persona hätte kosten können.
04.10.1963
„Mittags Partei-Besuch von Pumpe, abends Leserforum in der Oberschule. Es geht um meinen Artikel in der LR. Der Chefarchitekt von Hoy hat eine Stinkwut auf mich. Sogar die Bauakademie wird für heute abend bemüht. Für mein Buch freut’s mich.“
10.11.1963
„Hörte heute – inoffizielle Nachricht –, dass ich den Blechen-Preis, für den ich vorgesehen war, wegen meiner Kritik an der soz. Wohnstadt nicht bekommen habe. Ich weiß auch so, dass sie mich hassen, dass sie mich »abschießen« würden, wenn ich nicht geschützt würde. So sage ich also jetzt auch schon »sie« – und fühle es genauso. Was, keine Kafka-Welt mehr bei uns?“
Zumindest sind noch weitere positive Effekte nach einem halben Jahr zu verzeichnen:
22.05.1964
„[…] In Hoy wird sich nun doch – nach langem Hin und Her in der Bauakademie – allerhand verändern: Wir bekommen wieder einen Aufbaustab und einen Chefarchitekten, und es gibt eine neue, vernünftige Konzeption für den weiteren Aufbau der Stadt. Ich grinste blöd vor Stolz: Das alles habe ich mit meinem Artikel in Gang gesetzt.“
Diese Veränderungen sind allesamt langfristig. Brigitte Reimann stach ins Wespennest. Aber nicht nur die realen Bestrebungen des Städtebaus sind ein schicker Lohn für das Wagnis; auch die Tatsache, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu rücken und Menschen zu ermutigen, ihre Sorgen und Bedürfnisse zu offenbaren (wozu auch die Lausitzer Rundschau hübsch beigetragen hat). Das alles führt zu einem Diskurs der Teilnahme, wie er auch stattfinden sollte. Probleme des Städtebaus betreffen vor allem die Menschen, die darin wohnen; sie bekommen die Auswirkungen am deutlichsten zu spüren. Sind nah am Geschehen. Sind das Geschehen.
Das Jugendklubhaus in Hoyerswerda existiert also seit 1964 und ist seitdem fester Bestandteil der Neustadt. An der Haltestelle drücke ich den Stop-Knopf und steige aus dem Bus, in dem neben den deutschen Namen der Haltestellen auch die sorbischen angesagt werden. Die Debatte um das Jugendklubhaus kannte ich damals noch nicht; sollte erst später davon erfahren. Rückblickend hätte ich es mir gern angesehen.
Mein erstes Ziel war die ehemalige Wohnung von Brigitte Reimann, sowie die nach ihr benannte Straße. Ich wusste ungefähr, wo beides war, und lief grob drauflos. Die bewusste Entscheidung für Umwege kam schnell. Das Herbstwetter hat sich nochmal Sonnenschein eingefordert, und so konnte ich bei warmem Wind durch die üppig bepflanzte Neubaugegend schlendern. Die vielen Bäume, Grünanlagen und kultivierten Innenhöfe überraschten mich. Gepaart mit dem reglosen Treiben vereinzelter Renter:innen an diesem Vormittag wochentags, machte Hoy einen fast idyllischen Eindruck; trotz Neubauschluchten. Wobei Schluchten bei den konternden Grün- und Parkflächen eher unpassend wirkt. Dennoch: Neubau an Neubau, Block an Block; linientreu.
In der Brigitte-Reimann-Straße angekommen, steht dort ein zugenageltes Haus. Als Wohnhaus gedacht, ist es jetzt nur noch ein Leerhaus. Hier war früher unter anderem eine Begegnungsstätte mit einem nachgestellten Zimmer von Brigitte Reimann. Betreut wurde alles vom Kunstverein Hoyerswerda. Der löste sich leider 2021 auf und jetzt befindet sich nur noch ein kleines Kabinett in der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek.
Aber zurück zur Brigitte-Reimann-Straße: Sie ist nicht lang, vielleicht 123 Meter. Eine Gedenktafel muss hier ganz in der Nähe sein: Lieselotte-Hermann-Straße 20, einmal um die Ecke. Genau da. Hier wohnte B.R.
Mein nächstes Ziel war die besagte Stadtbibliothek samt Kabinett der Schriftstellerin. Einen Spaziergang durch den WK1 und WK3 später, stand ich auf der riesigen Dr.-Wilhelm-Külz-Straße. Ich habe gehört, dass die Straßen in den USA riesig sind – so stelle ich sie mir vor (ich schäme mich ein bisschen für diesen Vergleich zum Nicht-Sozialistischen-Ausland). Eine weitläufige Mischung aus Park, Brachfläche und Wiese neben mir lassend, stand ich kurze Zeit später vor einem eindrucksvoll hohen Wohngebäude, das den Namen Lausitz-Tower trägt. Ich wollte mich auf die Dachterrasse stehlen, aber leider war sie wegen Bauarbeiten geschlossen.
Dann also doch direkt zur Bibliothek. Eine Mitarbeiterin zeigte mir das kleine B.R. Kabinett im Obergeschoss. Noch nie hatte ich diesen Intelektuellen-Crush mit Idoltum und so, aber als ich dort stand, war ich ein wenig baff. Ich war entzückt. Mir ist klar geworden: Diese Frau, von der ich eine Menge gelesen habe und die unfassbar beeindruckend gewesen sein muss, hat einen so trächtigen Abdruck in Stadt und Gesellschaft hinterlassen, dass andere sie ebenso schätzen und sogar ein eigenes Kabinett ihretwegen am Leben lassen. Dieses ist ein wenig klein für ihre Persönlichkeit; die frühere nachgestellte Wohnung hätte ich am liebsten erhalten gesehen. Dennoch freute ich mich über die nonchalant-skurrile Tatsache, den Fanclub um B.R. existent zu wissen und ihm etwas nähergekommen zu sein – obwohl allein im Zimmer. Und dann war ich bereit in diese ganzen Bücher zu sinken (nicht ohne vorher die Schreibmaschine berührt zu haben, aber es ist leider nicht ihre).
Als Erstes griff ich zu einer Anthologie, die 2013 herausgebracht wurde und mehrere Erinnerungsschriften an B.R. enthält. Besonders hängengeblieben ist mir folgende Anekdote: Eine Person, die in der Brigitte Reimann Stadtbibliothek gearbeitet hat, erzählte aus dem Nähkästchen: Viele Leute riefen dort an, um die besagte Brigitte Reimann zu sprechen; immerhin ist die Bibliothek nach ihr benannt, also ist das bestimmt die Geschäftsführerin. Immer wieder kam der Verweis, dass es sich um eine namhafte Schriftstellerin handelt und die Geschäftsleitung wer ganz anderes sei. So weit, so aushaltbar. An einem Tag jedoch ist wegen mehrmaliger Fragereien der Kragen geplatzt. Das überschrittene Telefonat hier mal halbgar rekonstruiert:
„Hallo, ich wollte gerne die Brigitte Reimann sprechen. Ist sie denn im Haus?“
„Die ist tot.“
*Stille*
*Stille*
„Das ist ja schrecklich. Mein aufrichtiges Beileid und auf Wiederhören.“
Dann widmete ich mich den lokalen Ausgaben und Schriften über Brigitte Reimann; beispielsweise einer Magister-Abschlussarbeit von der Uni Cottbus oder die Biografie, welche die Hoyerswerdaer Kunstvereinsvorsitzenden schrieben. Diese Sachen lassen sich aus weiter Ferne schwerer auffinden; Gelegenheit nutzen! Dann kam ich zu den bekannteren Biografien. Ich verschaffte mir einen Überblick zur Klärung der Frage, welche ich später lesen möchte. Spoiler: Ich hab‘ mir fast alle notiert. Dann die zahlreichen Briefwechsel. Dann die Bildbände. Dann die wunderschöne „Das Grüne Licht der Steppe“ Ausgabe von 1965.
Alles überflog ich; ich hatte jedes Buch einmal in der Hand, machte einige Notizen und fotografierte ein paar Seiten. Sogar ins Gästebuch hab‘ ich geschrieben. In diesem stand vorher ein Eintrag mit lediglich den Worten „Ich bekomme sie einfach nicht aus dem Kopf„. Mit glühend-wohligem Kopf verließ ich den Neubau einige Stunden später. Alle Erwartungen überfüllt.
Rückwegs graste ich natürlich noch die Altstadt ab.
Auf der Rückfahrt tippe ich ein paar Stichpunkte für diesen Text ins Handy (Zugfahrt – keine Ordnungswidrigkeit). Ob Brigitte Reimann heutzutage ihre Schriften unterwegs auf dem Handy tippen würde, frage ich mich… In irgendeinem Internettext stand letztens, dass Brigitte Reimann heute eine Influencerin wäre. Ich musste tief Luft holen. So genau kann ich das natürlich nicht beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass ihr beim Anblick eines leuchtenden kleinen Kastens, in dem Walter Ulbricht gefangen ist und als Hippie verkleidet mit voller Inbrunst „She Loves You“ von den Beatles singt (den Yeah Yeah Yeah Part versteht sich), die Spucke wegbliebe.
Und vielleicht auch beim Anblick ihrer Stadt. Sie hat sich immer mehr Bäume, Sträucher und Blumen gewünscht. Ich bin mir sicher, ein Spaziergang hätte ihr heute bei dem Wetter gefallen.
18.10.1963
„Hoy hat mich wieder, mit Haut und Haaren. Ich schweige von den Briefbergen, Einladung in die Akademie der Künste; […] Lesungen – na, und so weiter.“